Bauer sucht Bulle!

15.10.2019

Bulle Hof Heggemeier (Foto: Stadtarchiv Lübbecke, Fotosammlung Dr. Allemeyer, um 1985).

Bauer sucht Bulle!

Sebastian Schröder

Rinderzüchter stehen stets vor schwerwiegenden Entscheidungen: Welcher Bulle passt zu meinen Kühen? Welche Gene sollen weitergegeben werden? Steht die Milchgewinnung im Vordergrund oder eher die Fleischproduktion? In Datenbanken der Zuchtverbände sind die männlichen Rinder nach standardisierten Zuchtwerten kategorisiert. Ihre Eigenschaften werden minutiös ausgewertet, die Nachzucht hinsichtlich ihrer Leistung klassifiziert. Auch der Stammbaum kann betrachtet werden. Alle diese Informationen dienen dem Ziel, den geeigneten „Passer“ für die eigene Herde zu finden. Dabei wird der Leitsatz ausgegeben, die Milch- oder Fleischleistung zu maximieren, gleichzeitig aber auch die natürliche Widerstandskraft und Gesundheit der Kühe zu fördern. Beim Zeugen des tierischen Nachwuchses sehen sich Bulle und Kuh übrigens kaum noch. Der sogenannte Natursprung ist weitgehend unüblich geworden. Vielmehr werden die weiblichen Rinder künstlich besamt. Das hat den großen Vorteil, dass das Sperma vorab genau untersucht und geprüft werden kann. Zudem kreuzen die Gene den gesamten Globus.

Das war einst ganz anders. Natürlich hieß es auch damals schon: Bauer sucht Bulle! Aber diese Suche gestaltete sich gleichwohl ein wenig abweichend. Dabei mehrten sich seit dem 19. Jahrhundert die Anstrengungen, die Zucht nach rationalen Gesichtspunkten zu verbessern. Zuvor waren planmäßige Zuchtbemühungen kaum möglich, da alle Rinder, junge und alte, männliche und weibliche, gemeinsam weideten – sie wählten selbst ihre „Sexualpartner“; der Bauer griff kaum ein. Die Veränderungen der Moderne lassen sich auch in den Ämtern des Kreises Lübbecke im Norden Westfalens erkennen. So ordnete der Amtmann des Amtes Gehlenbeck im Winter 1846 an, „Schau-Ämter zur Köhrung der Zuchtstiere“ zu bilden. Damit folgte er der Zuchtstierkörordnung für die Provinz Westfalen, die am 27. Juni beziehungsweise 15. Juli 1845 erlassen worden war. Deren zweiter Paragraph sah vor, dass sich in allen Ämtern und Gemeinden der Provinz derartige Kommissionen gründen sollten. Übrigens musste die königliche Regierung in Minden noch 1859 kritisch feststellen, dass „die Zuchtstier-Ordnung nicht allenthalben zur Ausführung gebracht worden“ sei. Dieser Vorwurf galt allerdings nicht dem Gehlenbecker Amtmann – denn seiner Anordnung waren die Gemeinden seines Bezirks 1846 umgehend gefolgt. Schon im März 1846 hatten sich die Mitglieder der Kommission getroffen, um geeignete Zuchtbullen auszuwählen. Dabei gab es genaue Vorstellungen darüber, wie diese Eignung festgestellt werden konnte:

„Einen Gut Gebauten Zuchtstier ersieht man am kurzen Stumpfen Kopf, an der Breiten Stirn, den Langen und Gutgestellten Hörnern, Tüchtigen Ohren, dem Starken und Kurtzen Hals, Langen und Geraden Rücken, Gutgeschlossenen Leib, der Breiten Brust und den Kurtzen, Aber Starken Schenkeln, dabei muß das Thier Lebhaft Sein und Feüer Sprühende Augen Zeigen, und mit einer Gut ausgebildeten Ruthe und Gesunden Testikeln Versehen sein, und eine Gute Freie Bewegung haben.“

In der zum Amt Gehlenbeck gehörigen Gemeinde Nettelstedt wurden am 3. März 1846 nachmittags um 14 Uhr an der Wohnung des Gastwirts Spieker zwei Bullen vorgeführt – die beide als tauglich angesehen wurden. Der Landwirt Röwekamp oder Hovemeier, Nr. 19 zu Nettelstedt, besaß einen dreijährigen Stier, der schwarz gefärbt war, wobei er einen weißen Kopf hatte. Als Rasse wurde „Landschlag“ angegeben. Dagegen präsentierte der Kolon Jostmeier, Nr. 8 zu Nettelstedt, einen zwei Jahre alten, „schwarz und weiß gefleckten“ Bullen, der „wahrscheinlich von Ostfriesischer Race“ abstamme. Interessanterweise unterschieden sich die vorgestellten Tiere stark voneinander – diese Erkenntnis bestätigt sich mit Blick auf die ein Jahr darauf stattfindende Kür in der Gemeinde Gehlenbeck. Insgesamt wurden sieben Stiere als zur Zucht geeignet befunden. Darunter waren einerseits zwei männliche Rinder ostfriesischer Herkunft, andererseits überwog aber mit fünf Stieren eindeutig die „hiesige Abstammung“. Die Farbschläge waren wortwörtlich bunt gemischt. Waren die Ostfriesen schwarz-weiß gefleckt, so zeigten sich die Landrinder grau mit weißen Flecken, schwarz oder es handelte sich um Blauschimmel. Auch das Alter variierte stark. Der jüngste Bulle war ein Jahr und sechs Monate alt – derselbe sei noch ziemlich klein und somit „passend für Rinder“. Da der Natursprung praktiziert wurde, musste die Größe der Tiere berücksichtigt werden. Das Decken der kleineren Kühe lokaler Herkunft mit auswärtigen, kräftigen und großgewachsenen Bullen sei problematisch, meinten die Landwirte. Der älteste Stier verfügte dagegen schon vermutlich über reichlich Erfahrung. Er zählte bereits elf Jahre – ein wahrlich stattliches Alter!

Es zeigt sich: Die Etablierung moderner Zuchtvorstellungen war ein langwieriger Prozess. Die Veränderung des Genpools, die allmähliche Verdrängung des „Landschlags“, die künstliche Besamung und schließlich die heute selbstverständlich erscheinenden eindeutigen Bewertungskategorien für Bullen sind Wegmarken dieses Wandels.

 

[Quelle: Stadtarchiv Lübbecke, E 22 Amt Gehlenbeck: Zuchtstiere, Körordnung, 1845–1919.]