Ein innovatives interkommunales Bauprojekt: Die 1937 stillgelegte Wallücke-Bahn

01.04.2025 Niklas Regenbrecht

Einband einer Broschüre über die Wallücke-Bahn von 1897.

Sonja Voss

Die Wallücke-Bahn wurde ursprünglich als reine Güterbahn geplant, die Toneisenstein von der Wallücke (einem Pass im Wiehengebirge) zum Bahnhof in Kirchlengern bringen sollte. Auf Initiative der Landräte der Anliegerkreise wurde auch die Personenbeförderung in das Projekt aufgenommen. Als Gegenleistung konnte der verantwortliche Bauherr, der Georgs-Marien-Hüttenverein, die Gleise unentgeltlich an den vorhandenen Chausseen entlang verlegen. Auch an den Baukosten beteiligten sich die Kreise. Dieses Vorgehen wollte der Bergwerksverein gerne als Modellprojekt für weitere Standorte bewerben: Im Jahr 1897 erfolgte die feierliche Eröffnung der Bahnstrecke, die seit 1894 geplant worden war. Zur Einweihung am 25. September waren ausgewählte Gäste zur Probefahrt eingeladen. Hier wollte man die gelungene interkommunale Zusammenarbeit zwischen Herford und Minden ebenso inszenieren wie die Werbebroschüre des Bergwerksvereins auf den Weg bringen. Darin wurde die Schönheit der ostwestfälischen Landschaft gepriesen und die neue touristische Anbindung durch die Bahn gelobt, besonders aber die technische Ausführung der Fahrzeuge und der Strecke vorgeführt.

Die Fahrzeuge der Kleinbahn

Die Wallücke-Bahn wurde mit der ungewöhnlichen Spurbreite von 60 cm angelegt. So ließen sich die Schienen im bestehenden bebauten Gelände mit engeren Kurvenradien verlegen. Die ersten Lokomotiven der Firma Jung mussten aufwändig an diese Spur angepasst werden und waren wahrscheinlich auch deshalb sehr reparaturanfällig. Ein erster Ersatz wurde mit Maschinen der Firma Hanomag, später von Hagans, angeschafft. Aber erst die Lokomotiven Nummer 7 und 8 von der Firma O & K aus dem Jahr 1901 liefen zuverlässig bis zur Einstellung des Fahrbetriebs 1937 mit einer zulässigen Höchstgeschwindigkeit von 25 Kilometern in der Stunde auf der Strecke zwischen der Wallücke und dem Bahnhof Kirchlengern als Endhaltestellen.

Eine der letzten Loks, die auf der Wallücke verkehrte, Foto: Friedrich Schäffer.

Zwischen Angst und Verehrung

Das „hochmoderne Verkehrsmittel“ stieß in der ländlich geprägten Bevölkerung zur Eröffnung 1897 noch auf große Skepsis. Es wurde befürchtet, dass es durch die Nähe zu den Chausseen und an den ungesicherten Fahrspuren in großer Zahl zu Unfällen kommen würde. Vor allem scheuende Pferde, die sich vor dem Zischen der Dampflokomotiven erschraken, sorgten auch tatsächlich wiederholt für Personen- und Sachschäden. Besonders tragisch waren zwei Unfälle, bei denen in den Jahren 1904 und 1910 jeweils ein Kind auf den Bahngleisen ums Leben kam. Trotzdem blieben diese Fälle insgesamt so selten, dass die Bahn schon bald liebevoll „Wallücker Willem“ oder „Dat schwarte Hannchen“ genannt wurde und zum festen Teil des Ortsbilds geriet.

Der Fahrplan

Maximal verkehrten drei Züge am Tag in beiden Richtungen, die an festgesetzten Haltestellen und an so genannten Bedarfshaltestellen hielten. Von der Eröffnung der Bahnlinie am 25.September 1897 bis zum 1. Februar 1923 fuhren die Züge – einmal abgesehen von technisch bedingten Ausfällen - nach Fahrplan. Ab dem 1. Februar 1923 fuhr die Bahn dann nur noch an den Wochenenden. Am 5.12. desselben Jahres wurde der Bahnbettrieb gänzlich eingestellt, da sich der Toneisensteinabbau nicht weiter lohnte. Da es aber weiterhin aus Sicht der Kreise einen nicht unerheblichen Bedarf im Bereich der Personenbeförderung gab, übernahmen am 15. Oktober 1925 die Kreise Minden, Herford und Lübbecke die Bahn vom Georgs-Marien-Bergwerks- und Hüttenverein. Mit zunehmendem Auto- und Busverkehr wurde der Betrieb der Bahn immer weniger rentabel, so dass man sich schließlich entschloss, den Fahrbetrieb einzustellen. Am 25. November 1937 fuhr der letzte fahrplanmäßige Zug. Am 7. Dezember 1937 ging der „Wallücker Willem“ auf Abschiedsfahrt.

 

Zuerst erschienen in: HF-Magazin. Heimatkundliche Beiträge aus dem Kreis Herford, Nr. 131, 11.12.2024, herausgegeben von der Neuen Westfälischen.

Link: https://www.kreisheimatverein.de/wissen/hf-magazin/

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