Früher war alles besser

23.07.2019

Der Volksfachwerkwagen – eine Arbeit von Yoana Tuzharova – steht gleich am Eingang des Museums und bereitet die Museumsbesucherinnen und –besucher darauf vor, dass sich hier einiges verändert hat. (Foto: Christiane Cantauw)

Früher war alles besser

Künstlerische Interventionen der Klasse Löbbert im Mühlenhof-Museum, Münster

Christiane Cantauw

Ein Freilichtmuseum mit jahrhundertealten Gebäuden und Inventar aus dörflich-bäuerlichem Alltag und eine Kunstklasse der weit über die Grenzen Münsters bekannten Kunstakademie Münster – wie geht das zusammen? Die Antwort ist: So gut, dass man sich mehr von dieser Melange wünscht!

Von der Wirkung der künstlerischen Interventionen von 21 Studierenden der Klasse Löbbert in und zwischen den alten Gebäuden des Mühlenhofes konnten sich die Freunde der Kunstakademie Münster am 17. Juli 2019 persönlich überzeugen. Eine Führung durch Professor Löbbert und einige der Studierenden zu den teils ein wenig versteckten Arbeiten bot spannende Einblicke in die künstlerische Auseinandersetzung mit einem aus dieser Warte eher ungewöhnlichen Ort.

Gleich am Eingang des Museums begegnen die Besucherinnen und Besucher einer Arbeit von Yoana Tuzharova, deren „Volksfachwerkwagen“ die Themen „Fachwerk“ und „Volkswagen“ – genauer ein VW-Golf 1 – zusammenbringt. Spannend, wie organisch der PKW vor den Fachwerkhäusern des Museums wirkt. Findet hier der Wunsch nach Homogenität, der das von Theo Breider zusammengestellte Gebäudeensemble prägt, seine Entsprechung in einem Gefährt, welches eigentlich überhaupt nicht in diese stillgestellte, historisierende Welt hineinpassen will? Und welche Rolle spielt eigentlich Tradition außerhalb des Museums – z.B. bei der Vorliebe für einen bestimmten Fahrzeugtyp? – Dies sind nur einige der Fragen, die sich hier aufdrängen und die zu Diskussionen anregen.

Wer den Volksfachwerkwagen erst auf den zweiten Blick als künstlerische Arbeit und nicht zum Museum zugehörig erkennt, der hat den Sinn der künstlerischen Interventionen bereits begriffen. Sie sind Stolpersteine beim Gang durch das Museum, indem sie mit den Erwartungen der Besucherinnen und Besucher brechen. Teils zwingen sie zum Nachdenken über das scheinbar offensichtliche, teils sprechen sie eine Wahrheit hinter dem Gezeigten an, indem beispielsweise das Thema Frauenarbeit auf dem Land und die aus der harten Arbeit resultierende körperliche Erschöpfung thematisiert werden. Ein solches Thema gegen das pittoreske Dorfensemble und die hübschen Bauerngärten mit künstlerischen Mittel zu verteidigen, hat sich Julia Ziomkowska mit ihrer Arbeit Aushalten vorgenommen.

Eine Auseinandersetzung darüber, wer oder was in einer Dorfschule wehrhaft sein oder werden soll, fordert die Arbeit von Mira Reeh ein. (Foto: Christiane Cantauw)

Dass die künstlerischen Interventionen durchaus auch Gebäuden wie der kleinen Schmiede neues Leben einhauchen können, zeigt die Arbeit von Holger Küper, der bis zum 1. September eine Pendeluhr schmiedet. Zeit braucht Zeit lautet der bezeichnende Titel des im Entstehen begriffenen Artefakts, dessen Herstellungsprozess als Teil des Werks begriffen werden soll. Küper gelingt es, ein kulturhistorisch relevantes Thema aufzugreifen, ohne auf museale Darstellungsformen und Praxen zurückzugreifen. Vielmehr wird bewusst mit diesen gebrochen, indem der Künstler sich selbst als Schöpfer eines Zeitmessgeräts in den Mittelpunkt stellt, um am eigenen Leibe zu erfahren, was die Erschaffung eines Zeitmessgerätes erforderte. Dass in einer Dorfschmiede sicherlich nie Pendeluhren hergestellt wurden, spielt dabei keine Rolle, eher schon die Einübung von Fähigkeiten und Fertigkeiten im Umgang mit dem Schmiedefeuer, der Esse und den Werkzeugen. In und um die Schmiede herum können die Museumsbesucherinnen und -besucher erleben, wie sich Kunst auch alte Orte aneignet, sich mit diesen auseinandersetzt und sie transformiert.

Inmitten der Ausstellungseinheit über „weibliche Handarbeit“ findet sich die Arbeit von Lisa Tschorn, die ein Zitat von Mark Zuckerberg per Maschinenstickerei auf ein Leinentuch hat sticken lassen. Inmitten eines Ensembles von Tellerbord, Kochmaschine und Küchentischchen, fällt auch diese Arbeit erst beim zweiten Blick ins Auge. Gut gefallen hat mir hierbei die Umsetzung des Zitats in die Materialität mittels der im Vergleich zur weiblichen Handarbeit viel schnelleren Stickmaschine.

Mit Fragen der Authentizität setzt sich eine Arbeit von Lisa Ehmen auseinander, die mit ineinandergreifenden Flächen, die teils verspiegelt sind, nach den verschiedenen Bedeutungsebenen eines (historischen) Ortes und nach dem Standpunkt seiner Besucherinnen und Besucher fragt.

Die durch viele der Artefakte erreichten Brechungen fordern und fördern einen Perspektivwechsel, liefern Diskussionsstoff und sind letztlich eine Herausforderung, für die der Titel „Früher war alles besser“ mir sehr passend erscheint.

Die Ausstellung ist noch bis zum 1. September 2019 im Mühlenhof-Museum, Theo-Breider-Weg 1, 48149 Münster zu sehen.

Öffnungszeiten: Täglich von 10 bis 18 Uhr